Leonard Cohen Albumreview

Leonard Cohen – You Want It Darker

Heute wird es düster auf SOUNDTHEKE – denn ich habe dank „You Want It Darker“ Leonard Cohen für mich entdeckt.


Jaja, tote Hose war hier in letzter Zeit. Weiß ich doch. Aber es geht ja schon wieder weiter. Mit „You Want It Darker“, dem letzten und finalen Album von Leonard Cohen. Die Scheibe ist zwar ein Jahr alt und damit in Blogzeitrechnung quasi schon ein alter Hut. Aber ich bin ja bekanntlich ein bisschen langsamer und so habe ich diesen Diamanten erst letzte Woche für mich entdeckt.

Eigentlich kann ich mich für die Musik von Leonard Cohen gar nicht so richtig begeistern. Klar, „Halleluja“, „Suzanne“ oder „Bird on a Wire“ kenne und schätze ich. Darüber hinaus habe ich aber nie so richtig den Zugang zu Cohens murmelndem Sprechgesang, für den man gefühlt einen extra Subwoofer braucht, gefunden. „Live in London“ fand ich zum Beispiel interessant aber mit über zwei Stunden war mir das doch etwas zu viel. Meistens gefielen mir seine Songs als Cover anderer Künstler deutlich besser – K.D. Lang hat da übrigens auf „Hymns Of The 49th Parallel“ zwei tolle Interpretationen anzubieten.

Kurz: Es gibt bestimmt unzählige Menschen, die viel kompetenter über Leonard Cohen und seine Musik schreiben können. Dennoch (oder gerade darum?) möchte ich jedem, dem es vielleicht genauso geht wie mir, ganz dringend „You Want It Darker“ ans Herz legen.

Ein düsteres Biest

Ich weiß nicht ob es das reduzierte Coverbild war, der Titel oder reiner Zufall aber irgendwie hat mich „You Want It Darker“ direkt angesprochen. Vielleicht war es auch das klassische Klischee, dass die Kunst mit dem Tod ihres Künstlers automatisch faszinierender wird. Auf jeden Fall hörte ich in das Album vor einigen Monaten rein und spitzte damals schon interessiert die Ohren. Letzte Woche hatte ich dann endlich Zeit, mich richtig damit zu beschäftigen.

Das Ergebnis als „Begeisterung“ zu bezeichnen wäre vielleicht technisch korrekt, passt aber anhand dieses Werkes nicht wirklich. Eher treffen es da schon Worte wie Ehrfurcht und Andacht in Anbetracht dieses düsteren Biestes. Leonard Cohen hätte es mit dem Titel nicht besser treffen können. Bereits der Opener macht dem Hörer sofort klar, was hier Sache ist: „A million candles burning, for the love that never came. You want it darker, we kill the flame.“ Wow. Hier spricht jemand, der alles gesehen hat, nichts mehr beweisen muss und nun sein Schlusswort in dieser Welt spricht. Religion, Liebe, Hoffnung und der Tod. Noch ein letztes Mal all das sagen, was wichtig ist.

„They’re dancing in the street – it’s Jubilee. We sold ourselves for love but now we’re free. I’m so sorry for the ghost I made you be. Only one of you was real – and that was me.“ – Lyrics, die hängen blieben

Leonard Cohen verarbeitet die Themen von „You Want It Darker“ dabei nicht nur lyrisch meisterhaft, sondern auch musikalisch genial. Plötzlich passt seine tiefe Raspelstimme perfekt, plötzlich ist es mir egal, dass die Hälfte der Stücke eher im Sprechgesang vorgetragen werden. Im Gegenteil – alles andere wäre völlig falsch.

Der Rest der Musik – und diesen Gegensatz fand ich schon immer das Verrückte an Leonard Cohen – ist dabei wunderbar eingängig und nahezu perfektionistisch glatt. Zusammen mit seiner Stimme ergibt sich daraus ein Gesamtwerk, das einen wie die Dunkelheit selbst völlig verschlingt. Und das beinahe nie erschienen wäre.

Den Liner Notes im Booklet entnimmt der Leser nämlich die Information, dass Cohen während der Arbeit am Album physisch eigentlich nicht mehr in der Lage war, Musik zu machen. So düster(!) war die Situation, dass das Projekt kurz vor dem Abbruch stand. Doch sein Sohn Adam, der das Album übrigens auch produziert hat, karrte den Vater ins Studio, platzierte ihn in einen speziellen medizinischen Stuhl und brachte das Projekt zum Ende.

Und genau wie Leonard Cohen, der seinem Sohn dafür dankt, so muss ich mich auch bei ihm für „You Want It Darker“ bedanken. Zum einen für ein musikalisches Vermächtnis, das mir sicherlich noch lange im Ohr bleiben wird. Zum anderen aber dafür, dass mir das Album einen großen Künstler ein wenig näher gebracht hat. Ich werde mich wohl doch noch mal genauer mit Cohens Schaffenswerk beschäftigen müssen. Vermutlich zu Recht.

DER DRINK ZUM SOUND

Keiner. Wie, was? Hab ich meine eigene Philosophie nicht verstanden? Keine Sorge, die heimelige Bar wird weiterhin gut besucht. Doch „You Want It Darker“ hat mich beim Hören tatsächlich so eingenommen, dass irdische Bedürfnisse wie „Trinken“ plötzlich völlig vergessen waren. Wer auf den Drink besteht, dem sei ein Single Malt ans Herz gelegt, den ich hier schon einmal vorgestellt habe. Auch ein trockener Rotwein sollte gut zum ewigen Gentleman Cohen passen.

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