Johnny Flynn Albumrezension

Johnny Flynn – Sillion

Johnny Flynn gräbt den musikalischen Acker um und fährt mit „Sillion“ eine großartige Ernte ein. Das muss begossen werden!


Der soeben gepflügte Boden, der Glanz frischer Erde, die erneut ans Tageslicht befördert wurde – so erklärt uns Johnny Flynn den Begriff „Sillion“ im Einband seines gleichnamigen Albums. Er beschreibt „Sillion“ als Symbol des Stillstands im großen Kreislauf des Seins. Das Getreide wurde geerntet, die neue Saat noch nicht gestreut. Es ist der Augenblick zwischen Ausatmen und Einatmen und für Flynn anscheinend auch ein stückweit Zustand seiner selbst.

Wer schon den Titel seines Albums mit solch einer Symbolik versieht, hat ganz offensichtlich etwas zu erzählen. Dabei gibt es über Johnny Flynn selbst bereits genug zu sagen. Den gebürtigen Südafrikaner hörte ich zum ersten Mal als Vorband eines Mumford & Sons Konzerts. Jahre ist das her, als die heute weltbekannte Band gerademal ein heißer Indie-Tipp war. Schon damals konnte man sehen, dass Flynn aus der Riege britischer Nu-Folk Musiker irgendwie herausstach. Er hatte nicht diese eingängigen Songs der Mumford Jungs und auch nicht diesen messerscharfen Gesang einer Laura Marling.

Nein, seine Songs waren irgendwie sperriger, sie hatten mehr Ecken und Kanten. Instrumente polterten, Flynns Stimme überschlug sich gerne mal und ungewöhnliche Taktarten waren keine Seltenheit. Doch genau in dieser rohen, direkten Musik verbarg sich für mich die Magie und die Faszination. Das Debutalbum „ A Larum“ ist nach wie vor ein Dauerbrenner meiner Sammlung. Sein zweites Album ging zwar immer noch sehr gut in die Ohren, war jedoch schon deutlich glatter. Spätestens mit dem dritten Album – „Country Mile“ – war die Magie jedoch für mich verflogen.

Rumpelnde Rückkehr zu glorreichen Zeiten

Entsprechend skeptisch ging ich an „Sillion“ heran, das ganze vier Jahre auf sich warten ließ – der feine Herr Flynn ist ja „nebenbei“ noch damit beschäftigt in preisgekrönten Fernsehserien mitzuspielen. Doch bereits der Opener „Raising The Dead“ pflügt (!) über alle Zweifel hinweg. Das Schlagzeug marschiert rumpelnd voran, Flynns Stimme knarzt wie in seinen besten Tagen und die E-Gitarre schrammelt vergnügt vor sich.

Kurze Panik – ist das nur eine Finte? Keineswegs, es geht direkt so weiter und im dritten Stück setzt der Brite sogar noch eins drauf. „Heart Sunk Hank“ klingt nach einer alten, verkratzten Schallplatte. Und das aus gutem Grund, denn der Song entstand in einem Voice-O-Graph. Diese Maschine aus den 40er Jahren erlaubte es, für ein paar Cents die eigene Stimme auf Vinyl zu pressen. Die Aufnahme selbst spielte Flynn 2015 vor einem Live-Publikum ein und teilt das Ergebnis nun mit uns auf „Sillion“.

Dieses Muster setzt sich dann auch im ganzen Album fort. Jeder Song scheint ein kleines Geheimnis zu verbergen, das entdeckt werden will, sei es in den Lyrics, in der Musik oder in beidem wie im Stück „Barleycorn“. Dort beschreibt Flynn den kompletten Zyklus der Gerstenernte in herrlichen Metaphern. Mitten im Song erklingt ein Gedicht, das dessen Autor höchstpersönlich mit einer Phonographenwalze im 19ten Jahrhundert aufnahm. Umso enttäuschender ist es dann auch, dass „Sillion“ kein Booklet beiliegt, das Lyrics oder weitere Informationen rund um die Songs liefert. Manche Geheimnisse sollen wohl verborgen bleiben.

Doch diese Kleinigkeit soll den Gesamteindruck nicht schmälern. Mit „Sillion“ gelingt Johnny Flynn nach einer langen Durststrecke mal wieder ein ganz, ganz großer Wurf. Stücke wie „Jefferson’s Torch“ oder „In Your Pockets“ ziehen einen in ihren Bann und lassen einen nicht mehr los. Sicher, musikalisch hat sich das kreative Multitalent weiterentwickelt. Doch er besinnt sich wieder auf das, was ihn so einzigartig macht. Ein roher, unverwaschener, direkter Sound den Flynn wie fast kein anderer beherrscht. So trägt „Sillion“ dann auch den einzig richtigen Namen: Es ist weder Neuanfang noch wehmütiger Blick in die Vergangenheit. Und wenn Johnny Flynn in der Metaphorik zwischen Saat und Ernte ein solches Werk zustande bringt, dann darf man schon jetzt auf das nächste Album gespannt sein … sobald es denn reif ist.

DER DRINK ZUM SOUND

Den passenden Drink für Johnny Flynn zu finden ist gar nicht so leicht. Pure Getränke wie ein Whiskey fallen bei einem so vielschichtigen Künstler schon mal weg. Ein Cocktail muss also her. Etwas mit Tiefe, etwas das vielleicht auf den ersten Blick ein bisschen schräg ist. Ich entscheide mich für den „Bavarian Julep“, eine Variation des „Mint Juleps“. Dieser Klassiker wurde von den Jungs vom Drink-Syndikat mit Heiland Doppelbocklikör und Angostura Bitters verfeinert. Durch den Bourbon und die Minze behält der Cocktail seine klassische Frische, Doppelbocklikör sowie Bitter sorgen für eine interessante zweite Geschmacksebene. Ein etwas speziellerer Drink, zugegeben. Doch in meinen Augen genau das richtige für einen Abend mit Johnny Flynn.

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