Jason Isbell Album Review

Jason Isbell – The Nashville Sound

In Nashville lässt Jason Isbell die Gitarrenverstärker heiß laufen. SOUNDTHEKE nimmt das Ergebnis mit einem Bourbon in Empfang.


Es war Mitte 2015 und die Country-Szene überschlug sich vor Lob im Angesicht von Chris Stapeltons Debutalbum „Traveller“. Und die Scheibe ist auch ohne Frage ein solides Album, nur wollte der Funke bei mir nicht so richtig überspringen. Irgendwas fehlte einfach. Wenige Tage später sah ich zufällig ein Album mit einem jungen Burschen auf dem Cover … „Jason Isbell? Nie gehört“. Zum Glück führte ich mir dennoch ein paar Soundschnipsel zu Gemüte. Die Konsequenz: „Something More Than Free“ lief bei mir die nächsten Wochen in Dauerschleife und Jason Isbell war meine Musikentdeckung 2015.

Ungefähr zwei Jahre hat es gedauert bis der ehemalige Gitarrist der Drive-By Truckers mit „The Nashville Sound“ – seinem nunmehr sechsten Soloalbum – nachlegt. Anders als im Vorgänger tritt Isbell allerdings mit der „400 Unit“ auf, die sozusagen als seine Hausband fungiert. Fans wissen bereits was das bedeutet, Neueinsteiger erfahren es spätestens beim zweiten Song. Der Kracher „Cumberland Gap“ lebt vor allem von seinen markanten Gitarrenriffs – so rockig ging es auf „Something More Than Free“ nicht zu. Generell halten sich ruhige und schnellere Nummern auf „The Nashville Sound“ die Wage. Nahezu jeden Song wechseln sich Akustikatmosphäre und verzerrter E-Gitarrensound ab.

Was jedoch als große Konstante über jedes Stück bestehen bleibt ist dann auch das, was Jason Isbell in meinen Augen aktuell so sehr von seinen Country-Kollegen abhebt: unfassbar gutes Songwriting. Themen wie Vergänglichkeit und verpasste Chancen sind ja nun nicht sonderlich originell. Aber die Lyrics und Metaphern in denen Isbell diese Themen verpackt sind auf einem Niveau, das aktuell nur wenige Künstler erreichen. Hervorzuheben sind hier zum Beispiel das bewegende „If We Were Vampires“ oder der melancholische Opener „The Last Of My Kind“.

„I hope you find something to love / Something to do when you feel like giving up / A song to sing or a tale to tell / Something to love, it’ll serve you well“ Lyrics, die hängen blieben

Musikalisch ist das Album wie eingangs erwähnt sehr abwechslungsreich. Und obwohl sich Isbell natürlich weiterhin im Bereich Country / Americana bewegt, klingt „The Nashville Sound“ sehr modern. Schöne Beispiele sind das gegen Ende tobende „Anxiety“ oder auch das Stück „Chaos And Clothes“. Dort laufen zwei Vocalspuren leicht versetzt nebeneinander, was einen ungewohnten aber spannenden Effekt erzeugt. Isbell bewahrt gekonnt bekannte Elemente des Genres, ohne im gefühlten Einheitsbrei anderer Countrykünstler zu verschwinden. Klanglich bleibt „The Nashville Sound“ dabei über jeden Zweifel erhaben. Kein Wunder, ist der Produzent ja auch Nashvilles Wunderkind Dave Cobb der, wie könnte es anders sein, auch Chris Stapleton produziert.

Insgesamt erreicht das neue Album für mich zwar nicht die Klasse von „Something More Than Free“. Das hat allerdings weniger mit der Qualität der Songs als damit zu tun, dass ich als alter Romantiker einfach mehr auf die langsamen, nachdenklichen Songs stehe. Ein grandioses Werk ist „The Nashville Sound“ dennoch. Und wenn Jason Isbell im letzten Refrain des letzten Songs singt „I hope you find something to love“ bleibt es mir nur noch übrig mit „Yes Jason, that I did“ zu antworten und noch ein weiteres Mal auf die Play-Taste zu drücken.

DER DRINK ZUM SOUND

Ein Country-Album aus Nashville, Tennessee? Was anderes als Bourbon kann man da ja gar nicht trinken. Leider erntet man, vor allem von Scotch-Trinkern, nach wie vor lediglich spöttische Blicke beim bloßen Gedanken an den amerikanischen Whiskey. In meinen Augen ist die Diskussion Scotch vs. Bourbon jedoch eine müßige. Es sind schlicht und ergreifend zwei verschiedene Getränke, die völlig friedfertig nebeneinander im Getränkeschrank stehen können. Ehrlich!

Einen klassischen Tennessee Whiskey hatte ich leider nicht zur Hand. Dafür aber eine Flasche „Woodford Reserve Distiller’s Select“ aus Kentucky. Der Bourbon ist preislich relativ erschwinglich (ca. 30€) aber trotzdem ein extrem leckerer Tropfen. Ich kenne zwar Barkeeper, die den Woodford zum Mixen verwenden – dafür ist er aus meiner Sicht aber zu schade (Maker’s Mark tut’s da doch auch). Am liebsten trinke ich den Bourbon pur – wer es eher mit ein, zwei Eiswürfeln mag begeht aber sicherlich auch kein Großverbrechen. Also Glas füllen, Soundregler aufdrehen und Augen schließen: „Welcome to Nashville, y’all!“

 

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