Tom Petty in Mannheim

Goodbye Tom Petty

Abschied von einer Legende des Rock ’n’ Roll.


Ich habe noch nie einen Nachruf geschrieben. Das Revue-Passieren-Lassen des ganzen Lebens einer berühmten Person, die man nicht einmal persönlich kannte, war für mich immer etwas Befremdliches, das nun mal in jeder Fachzeitung nach dem Tod eben jener Person stattfindet. Deswegen fange ich jetzt auch erst gar nicht damit an. Viel lieber blicke ich noch einmal auf mein eigenes Leben mit Tom Petty zurück.

Die Musik der Heartbreakers brauchte verhältnismäßig lange, um bei mir anzukommen. Als Jugendlicher war ich bereits Bruce Springsteen, Billy Joel und Konsorten verfallen. Von Tom Petty waren mir hingegen nur ein, zwei Klassiker bekannt. Das änderte sich schlagartig, als ich auf einem Urlaub in England, in der CD-Sammlung unseres Gasthauses, „Echo“ entdeckte. Das Album war das kreative Ergebnis von Pettys Scheidung und wurde von den Kritikern eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Dennoch war es genau dieser Sonderling, der mich in den Bann der Heartbreakers brachte – vielleicht gerade wegen der langsameren, nachdenklicheren Songs?

Was folgte war das suchtartige Nachkaufen aller bisher erschienenen Alben. Klar, Werke wie „Damn The Torpedos“ oder „Into The Great Wide Open“ wurden zu Alltime-Favorites. Wenn ich mich auf ein einziges Album festlegen müsste, wäre es jedoch vermutlich „Wildflowers“. Der Titelsong war eins der ersten Stücke, das ich auf der Gitarre lernte und bis heute kann ich mich an der Scheibe nicht wirklich satthören. Allerdings wäre die Auswahl eines definitiven Favoriten nicht wirklich gerecht im Angesicht von Pettys Schaffenswerk. Nahezu jedes Album hat mindestens einen Song im Gepäck der den Titel „Welthit“ verdient hätte. „Mojo“ beispielsweise ist aufgrund des starken Blueseinschlags nicht unbedingt einer meiner Lieblinge, doch „Something Good Coming“, „No Reason To Cry“ oder „Good Enough“ sind Songs die bleiben.

Wer mehr über den in Gainesville, Florida geborenen Petty, Mudcrutch und seine Zeit bei den Traveling Wilburys erfahren will, dem sei Peter Bogdanovichs Film „Running Down A Dream“ nahegelegt. In über drei Stunden lernt der Zuschauer einen Vollblutmusiker kennen, dem Rock durch die Adern floß. Man erlebt einen Menschen, der trotz schwieriger Kindheit, dem Verlust seines Hauses und nahezu gesamten Besitzes durch Brandstiftung sowie einer schmerzvollen Scheidung niemals dieses verschmitzte Sonnyboy-Grinsen verlor. Da ich selber in der „Kreativbranche“ arbeite, beeindruckte mich vor allem seine Integrität und Standhaftigkeit im Bezug auf den Umgang mit Künstlern und ihrem Werk. War ich vor Bogdanovichs Dokumentation bereits Fan von dem Musiker Tom Petty, so war ich danach auch Fan von dem Menschen.

Seltsamerweise erreichten Tom Petty & Heartbreakers in Europa nie den (völlig verdienten) Ruhm und Bekanntheitsgrad den sie in den USA innehielten. Entsprechend selten reiste die – in den Staaten ständig tourende – Band ins europäische Festland. Ein einziges Mal hatte ich dennoch das Glück die Heartbreakers live zu sehen. 2012 standen mein Vater und ich in Mannheim und warteten vor der SAP Arena auf den Beginn des Konzertes – wir hatten zwar nicht die besten Tickets bekommen, doch das war egal. Zufällig sah ich einen Facebook Beitrag von Pettys Seite, der demjenigen Karten für die erste Reihe versprach, der „auf dem großen X vor dem Eingang“ seinen Lieblingssong von Tom Petty singt. Flugs zerrte ich meinen alten Herrn dorthin und nach einiger Suche fanden wir zwei Roadies neben einem „Halten Verboten“-Zeichen („das große X“) auf dem Asphalt. Ich werde vermutlich nie den Moment vergessen, als mir der bärtige Roadie nach einer katastrophalen Version von „Square One“ zwei Tickets für die erste Reihe in die Hand drückte.

Das Konzert verlief dann genauso großartig, wie es von Tom Petty und seinen Herzensbrechern zu erwarten war: schnörkelloser, kompromissloser Rock ’n’ Roll. Zum Abschied rief er dem Publikum von der Bühne zu: „Goodbye, we’ll be back!“. Es war eine dieser „Hard Promises“, die am Ende leider nie eingelöst werden sollte. Gestern, am 02. Oktober 2017 verstarb Thomas Earl Petty im Alter von 66 Jahren. Der einzige Trost bleibt im Wissen, dass seine Musik weiterleben wird. Danke Tom, danke für alles.

Goodbye Tom Petty

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